Denen die Stirn bieten

Annalena Baerbock wird angefeindet, weil sie sich den Job als Präsidentin der UN-Generalversammlung erkämpft hat. Doch die Argumente gegen sie sind lächerlich.

Fotomontage: Adrian Kempf

Annalena Baerbock hat ihren eigenen Kopf und ist damit gerne auch schon öfter angeeckt. Weil die noch amtierende deutsche Außenministerin sich als nächsten Karriereschritt nun offenbar vorgenommen hat, nach dem Ausscheiden aus dem derzeitigen Amt zu den Vereinten Nationen zu wechseln und dort die Präsidentin der UN-Generalversammlung zu werden, gibt es wieder einmal helle Aufregung um Baerbock. Aber warum eigentlich? Man darf sagen, dass dies viel mit dem Blick von Männern auf Frauen zu tun. Ein unverfängliches Beispiel aus der  jüngsten Geschichte:  von 2018 bis 2022 war Annalena Baerbock zusammen mit Robert Habeck Parteivorsitzende. Erstmals standen mit ihnen zwei Realos an der Spitze der Grünen, sie gaben der Partei eine neue Ausrichtung. 2021 trat Baerbock als Kanzlerkandidatin an, holte aber „nur“ 14,8 Prozent für ihre Partei. Aber na ja, als nun bei der letzten Bundestagswahl bei den Grünen alles auf Robert Habeck zugeschnitten wurde – und er hatte schon auch den Vorteil, dass er ja zuvor bereits Wirtschaftsminister in der Ampel-Regierung war – da kamen die Grünen nur noch auf das Ergebnis von 11,6 Prozent. Soll heißen: Selbst Habeck hatte sich 2021 selbstquälerisch dahingehend geäußert, dass damals quasi der Ball auf dem Elfmeterpunkt lag und nur noch versenkt hätte werden sollen. Ein glatter Vorwurf an Baerbock, die das nicht vermocht hatte. Nur dass halt Habeck drei Jahre später noch viel deutlicher darunter lag. Und so ähnlich ist es jetzt auch wieder, nur weil Baerbock für ihre Nominierung zur Vorsitzenden der UN die Ellbogen ausgefahren hat. Als wäre das in der Politik nicht ganz normal – bei Männern halt.

Bei den Vorwürfen gegen Baerbock geht es sehr bezeichnenderweise auch um ihre Familie. Anfang März hatte sie in einem persönlichen Brief an ihre Bundestagsfraktion begründet, warum sie nicht Fraktionsvorsitzende werden wolle: Sie habe in den vergangenen „Jahren auf Highspeed“ als Außenministerin einen „privaten Preis“ gezahlt – und wolle nun „einen Schritt aus dem Scheinwerferlicht“ machen. Aber daraus wird jetzt als Vorwurf konstruiert: Baerbock  habe angedeutet, kürzer zu treten – um dann in New York durchzustarten. 

Aber das ist boshafter Blödsinn. Ist es bei Annalena Baerbock nun plötzlich besonders erklärungsbedürftig, wie sie künftig die Kinder betreut? Es wird von den Kritikern so dargestellt, dass es Baerbock quasi vorzuwerfen sei, dass sie statt Elternabende in Potsdam nun internationale Meetings in New York besuche. Geht es noch blöder? 

Denn in Wirklichkeit stehen Baerbocks Äußerungen, „einen Schritt aus dem Scheinwerferlicht“ machen zu wollen und der neue Job als Präsidentin bei der UN gar nicht im Widerspruch. Konkrete Frage: Wie heißt der amtierende UN-Vorsitzende? Wer in Deutschland mit all seinen aufgeregten Social-Media- Diskussionen kann frühere Vorsitzende der Vereinten Nationen aufzählen? Sprich: Wenn Baerbock ihr Amt in New York im September 2025 antritt, macht sie trotzdem einen Schritt aus dem – vor allem deutschen – Rampenlicht.  Baerbock hat immer wieder angedeutet, dass es für ihre Familie schwer sei, mit Fake News und Hetze umzugehen, deren Ziel sie im Internet ist. Der Schritt nach New York ist nun zumindest einer aus der deutschen Öffentlichkeit heraus. Schließlich könnte kaum jemand in einer Straßenumfrage irgendeinen der bisher mehr als 80 Vorsitzenden der UN-Versammlung nennen. Der aktuelle Vorsitzende ist übrigens der Kameruner Philémon Yang und er ist 77 Jahre alt.

Hinzu kommt, dass dieses Amt auf ein Jahr begrenzt ist. Viel Gelegenheit für politisches Agieren bringt die neue Rolle ebenfalls nicht: Eine große Eröffnungsrede im legendären Kuppelsaal des UN-Hochhauses am Ufer des East River in New York dürfte Baerbock im September 2025 vor der Weltöffentlichkeit halten. Danach ist der Job der Präsidentin eher zeremoniell. Sie kann vermitteln und reagieren, etwa wenn Delegationen aus Protest den Saal verlassen, oder Diktatoren ihre Redezeit überziehen. Was will Baerbock also mit dieser Position, die zudem auf ein Jahr befristet ist? Nun ja, Baerbock bleibt ihrem Feld, der Außenpolitik, treu – und setzt sich doch aus der aufgeheizten Parteipolitik ab. Womöglich hofft sie auf eine Karriere in internationalen Organisationen. Warum nicht?

Was wir wie an Annalena Baerbock durchaus bewundern, ist ihr Mut, denen die Stirn zu bieten, die sich überlegen wähnen. Ein Teil der massiven Ablehnung Baerbocks kommt aus Russland. Stimmung gegen sie wird massiv auf Social Media gemacht. Sie sei ungeeignet, heißt es. Ein vorgeschobenes Argument: Baerbock dürfe den Vorsitz nicht übernehmen, da ihr Großvater bei der Wehrmacht war.