
Wir waren schon überrascht, so im Popcorn-Kino am Ende eines Bond-Filmes. Denn was wir da sahen, das hat es noch nie gegeben im 007-Universum. Und nach dem Ende des Films (sowie drei Mal tief Luft holen), haben wir uns sofort gefragt, wie die Macher aus dieser Nummer nochmal raus kommen wollen. Es war zwar unzweifelhaft ein ziemlich starker Abgang von Daniel Craig als alterndes Blauauge mit der Lizenz zum Sterben, aber eben deshalb war ja auch sofort klar, dass es in der nächsten Bond-Episode kein Auferstehen aus dem Reich der Toten geben kann. Jeder wusste ja, dass es der letzte Film von Craig als James Bond sein würde. Er konnte also nicht beim nächsten Mal so tun, als habe er sich dann doch noch in einer Felsspalte versteckt, als die von ihm selbst georderten Raketen um ihn herum einschlugen. James Bond ist tot! Das gab es noch nie. Er starb in Ehren. Und wie man später erfuhr war dieser Tod auch ein Wunsch, wenn nicht gar eine Bedingung von Daniel Craig gewesen, um noch einmal in die Bond-Rolle zu schlüpfen. Der schwer bei der Stange zu haltende Bond-Darsteller hatte nach der viel bejubelten Sterbeszene von Judi Dench als „M“ in „Skyfall“ darauf gedrängt, selbst auch so einen tollen Leinwandtod zu bekommen. Und so gibt es auch vier Jahre nach diesem bislang letzten Film der Reihe keine richtig gute Idee, wie das eigentlich mit einer Fortsetzung funktionieren könnte. Nun haben die langjährigen Produzenten der Reihe, Barbara Broccoli und Michael G. Wilson, sich aus dem 007-Universum zurück gezogen. Stattdessen übernehmen die Amazon Studios die kreative Hoheit über die Zukunft des britischen Geheimagenten.
Barbara Broccoli, 64, ist die Tochter des verstorbenen Produzenten Albert R. Broccoli, der die Bond-Bücher des Schriftstellers Ian Fleming seit 1962 zu einer der erfolgreichsten Filmreihen aller Zeiten ausgebaut hatte. Ihr Halbbruder Michael G. Wilson, 83, war Albert R. Broccolis Stiefsohn. Beide Kinder arbeiten schon fast ihr Leben lang im Bond-Universum mit. Die Broccoli-Familie war vom ersten Bond-Film an als Produzenten tätig, Tochter Barbara übernahm die Rechte nach dem Tod ihres Vaters 1996 komplett. Ihr Wegbegleiter Michael G. Wilson ist seit 1979 mit dabei, produzierte seitdem 15 Bond-Filme und schrieb für fünf davon sogar am Drehbuch mit.
Jeff Bezos könnte selbst ein Bond-Bösewicht sein
Tja, es soll dann zu einer Konstellation gekommen sein, die selbst einem Bond-Drehbuch entsprungen sein könnte: Jeff Bezos, ein Mann, der derzeit sein Bestes tut, um wie ein klassischer Bond-Bösewicht (immerhin mit eigenem Weltraumprogramm) dazustehen, soll die Entmachtung Barbara Broccolis so gefordert haben: „Es ist mir egal, wie viel es kostet – beseitigt sie um jeden Preis!“ Man munkelt, es soll dann schon eine Milliarde Dollar gewesen sein, die Barbara Broccoli dafür erhielt, sich aus dem „aktiven Geschäft“ zurück zu ziehen. Passend zum Rätsel nach dem letzten Bond-Film ließen Broccoli und Wilson verlauten, sie würden mit dem letzten Film „Keine Zeit zu sterben“ ihre Arbeit an der Reihe als beendet ansehen.
Nun steht James Bond unter der vollen kreativen Kontrolle von Jeff Bezos (und seinen Spin-Doktoren). Hintergrund ist hier: Die Bond-Reihe wird in den USA seit Langem vom MGM-Studio ins Kino gebracht (das mit dem Löwen im Logo). Im Jahr 2022 kaufte Amazon das legendäre Studio mit einem Katalog von mehr als 4000 Filmen und 17 0000 TV-Sendungen für 8,5 Milliarden Dollar. Seitdem besitzt Amazon bereits die Distributionsrechte an Bond. Nur inhaltlich durfte man bisher kaum mitreden. Das ist jetzt anders. Jeff Bezos` Firma MGM Amazon wird künftig allein über den Verlauf aller neuen 007-Missionen entscheiden.
Und dazu gehört natürlich auch die Entscheidung, wer denn künftig die Bond-Rolle bekommen wird. Die Spekulationen darüber schießen ins Kraut, aber Genaues weiß man nicht. Es heißt etwa, Harris Dickinson sei eine interessante Wahl: Ja, der Brite ist mit seinen 28 Jahren einen Tick zu jung, verfügt aber über das schauspielerische Rüstzeug („The Iron Claw“, „Der Gesang der Flusskrebse“), hat Action-Erfahrung („The King’s Man – The Beginning“) und erhielt viel Lob für seine Rolle an der Seite von Nicole Kidman in „Babygirl“.
Doch eine erste Entscheidung ist nun bekannt gegeben worden. Und diese betrifft (noch) nicht den neuen Hauptdarsteller, sondern das neue Produzenten-Team. Die beiden Produzenten Amy Pascal und David Heyman werden den nächsten James-Bond-Film verantworten. Das gaben die Amazon MGM Studios bekannt. Damit hat das Filmstudio zwei erfahrene Mitarbeiter aus dem Filmgeschäft verpflichtet. Amy Pascal, 67 Jahre alt, ist für ihre Arbeit an den „Spider-Man“-Filmen bekannt. Zudem war sie mehrere Jahre Ko-Vorsitzende bei Sony Pictures. Während ihrer Amtszeit finanzierte und vertrieb Sony in Zusammenarbeit mit MGM und EON Productions die James-Bond-Filme von „Casino Royale“ (2006) bis „Spectre“ (2015). David Heyman (63) war unter anderem Produzent der erfolgreichen Harry-Potter-Reihe und ist auch bei der neuen Fernsehserie über den Zauberlehrling involviert. Also, Spider-Man trifft Harry Potter, und man braucht ja schon auch ein paar Zaubertricks, um aus der Hinterlassenschaft des von Daniel Graig gewünschten Bond-Todes wieder raus zu kommen.
Denn es bleibt die Frage, ob der 26. James Bond an das Schicksal von Craig irgendwie anknüpfen kann. In „Keine Zeit zu sterben“ gab es eine kleine Tochter, die natürlich schnell erwachsen werden könnte. Gestatten: Blond, Jamie Blond. Aber das wird wohl so nicht kommen. Denn erstens war das Mädchen ja nicht blond, sondern hatte schöne dunkle Locken. Und zweitens pfeifen die Spatzen von den Amazon-Dächern: Man will wieder einen Mann als Bond, in Zeiten von Bezos, Musk, Zuckerberg und Trump ja sowieso. Eine Geschlechtsumwandlung des Töchterchen aus „Keine Zeit zu sterben“, sprich: Blond, Jamie James Bond, ist in dieser Konstellation wohl auch nicht zu erwarten.
Gibt es erstmal lauter Amazon-Serien?
Bevor der erste Kino-Bond unter Amazon-Ägide herauskommt, darf man also zunächst durchaus mit diversen Prime-Spin-off-Serien im Fernsehformat rechnen, in denen 007 nicht einmal zwingend vorkommen müsste.
Denkbar wäre etwa „Q“, eine Miniserie über die Studien- und Militärzeit des jungen Major Boothroyd, der in jeder Folge scheinbar unüberwindbare Probleme durch die spontane Erfindung neuer Geräte löst, bis er schließlich vom britischen Geheimdienst als Quartiermeister angeheuert wird. Oder, einfach und genial: „Moneypenny – Sekretärin bei Tag, Agentin bei Nacht“. Das Kerngeschäft von MGM Amazon ist die Welt des Streamings. Da werden gerne Serien am laufenden Band gedreht, alles in einer digitalen Scheinwelt. Gestatten: Bond-KI aus Silicon Valley!
Es ist ja nicht so, dass 007 stets (eigentlich nie) ein cineastisches Highlight war. Aber es war jedenfalls immer ein mit gigantischem Aufwand betriebenes Kino-Erlebnis, oft an tollen Originalschauplätzen gedreht. Quasi ein Ausflug in die Welt. Unter all den Bond-Filmen stechen ja einige hervor. Der Start der Reihe 1962: „James Bond jagt Dr. No“ mit dem jungen Sean Connery, der übrigens damals noch sehr handfest seine Gegner um die karibische Ecke brachte. Auch der Außenseiter-Bond „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ aus dem Jahre 1969 mit dem einmaligen Auftritt von George Lazenby und dem Filmtod von dessen große Liebe Diana Rigg (Karate-Frau aus der Fersehserie „Mit Schirm, Charme und Melone“). Die sieben Auftritte von Roger Moore hatten in den 70er Jahren einen gewissen Ulk. Timothy Dalton hat besser gespielt als die meisten. Bei Pierce Brosnan stach in „Die Welt ist nicht genug“ (1999) heraus. Und ab 2006 kam mit Daniel Graig (in „Casino Royal“) der Mann, der in einer Kultszene aus dem Meer stieg. Wow, und jetzt over the Top, alles offen.